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Irmgard Keun: was für ein Leben!

Verfasst von: Schwarzer, Alice info
in: EMMA
1980 , Heft: 3 , 18-25 S.
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Einrichtung: FrauenMediaTurm | Köln
Signatur: Z-Ü107:1980-3-a
Formatangabe: Porträt
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Verfasst von: Schwarzer, Alice info
In: EMMA
Jahr: 1980
Heft: 3
ISSN: 0721-9741
Sprache: Nicht einzuordnen
Beschreibung:
Irmgard Keun Was für ein Leben!

In "Gilgi, eine von uns" ist es schon klar: dies ist ein Mensch, der sich weder im Kleinen noch im Großen, weder im Privaten noch im öffentlichen, weder in der Liebe noch in der Politik wird fügen wollen. So, wie sie ihre erste Romanheldin ausbrechen läßt aus der Umklammerung dessen, was wir gemeinhin Liebe nennen, so bricht sie selbst einige Jahre später aus aus den stramm geschlossenen Reihen des Faschismus.

Irmgard Keim, heute 70, damals 21. Jung, schön, bekannt, begehrt. Auch bei den Faschisten. Die verboten zwar prompt ihre Bücher ("Asphaltliteratur"), aber sie hätten das begabte "nicht-jüdische" Mädel eigentlich doch gern an ihre Heldenbrust gedrückt. .. Doch Irmgard bleibt Gilgi treu, zeigt der werbenden Reichsschrifttumskammer nichts als die kalte Schulter. Mehr noch: Auf der Beschlagnahmung ihrer Bücher und das erteilte Schreibverbot reagiert sie mit einer Anzeige gegen die Gestapo, wegen "Geschäftsschädigung". Eine Geste, die in ihrem undramatischen Spott und ihrem selbstverständlichen Mut charakteristisch ist für Irmgard Keun. Während die "entarteten Bücher" auf den Scheiterhaufen lodern, und ihre mittendrin, zeigt sie diesen Machthabern ihre ganze Verachtung und diesem Staat seine ganze Rechtlosigkeit mittels Erstattung einer Anzeige der Bürgerin Keun gegen Hitlers Geheime Staatspolizei. Irmgard Keun, 1910 geboren, 1931 Bestsellerautorin, 1935 Emigrantin, 1949 zitiert von Simone de Beauvoir im "Anderen Geschlecht" und 1951 verfilmt von Fellini mit dem "Kunstseidenen Mädchen" - diese Irmgard Keun erlaubt sich gestern wie heute die Empfindsamkeit für falsche Töne und den Luxus des aufrechten Ganges. Da muß niemand die "Dachkammerexistenz" der heute wieder in Köln lebenden 70jährigen bejammern. Sie weiß schon, was sie will. Die schrägen Appartementwände stehen ihr allemal besser als ein Bungalow. Und was sie von so vielen unterscheidet, ist nicht nur das Talent. Es ist auch der klare Blick und die Unverführbarkeit - von der Politik wie von der Liebe. Ob Irmgard Keun Feministin ist? Was für eine Frage. Da mag sie spötteln, sie hätte was gegen alle Ismen (Faschismus, Fanatismus), aber zu sagen braucht sie eigentlich nichts. Ihre Bücher und ihr Leben geben ausreichend Auskunft.

Gilgi, das erste Buch, das, das die Unpolitischen noch für unpolitisch halten, ist gerade in jüngster Zeit viel mißverstanden worden. Nämlich als keckes Sittentableau eines Kleinbürgermädchens. Dabei ist dieser Aspekt denkbar sekundär. Wesentlich ist: dies ist das mit mitreißender Leichtigkeit, aber ohne jede Leichtfertigkeit gezeichnete Porträt einer Frau, das alles erfaßt, was uns Frauen - im besten Falle - eigen und spezifisch ist. Nämlich den respektlosen Unernst, die alltägliche Verantwortung und das Dasein auch für andere. Gilgi verläßt ihre große Liebe, weil die sie um den Verstand gebracht hat. Eben darum. Vier Menschen machen Selbstmord, weil sie vergeblich auf Gilgis Hilfe warteten in einer Nacht, in der sie sich vom Liebhaber ablenken läßt. Das ist der Moment, in dem Gilgi das Asoziale dieser Liebe, der "Liebe" überhaupt, klar wird. Tausende leiden, während Millionen jubeln. Das ist der Moment, in dem Irmgard 1935 in die Emigration geht. Der Flucht vorausgegangen war eine letzte, sehr keunsche Episode. Da saß die inzwischen 25jährige in dem Kölner Lokal ,.Ma- rienbildchen". "Ich las gerade den .Düsseldorfer Mittag'. Da fand ich eine ganze Seite mit Fotos. Die einen waren betitelt ,Das neue deutsche Gesicht'. Die anderen ,Das Verbrecher-Gesicht'. Um mich rum so etwa 15 Gäste. Mit denen machte ich mir einen Spaß, hielt die Schrift zu und ließ sie raten: Was ist das neue deutsche Gesicht? und was das Verbrechergesicht? - Es kam, wie es kommen mußte: fast alle rieten falsch. Ich fing an laut zu lachen, zahlte und ging - mit dem Gruß erhobener Faust. Am nächsten Morgen um sechs holte mich die Gestapo."

Eine schreibende Frau?

Verhöre, Folter. Mit viel Geld bekommt der Vater sie noch einmal frei. Aber nun ist endgültig klar, daß sie das Land verlassen muß. Sie flüchtet nach Holland und schreibt dort ihre Erfahrungen dieser vier Jahre Alltags-Faschismus auf: "Nach Mitternacht", ihr erster nun endlich für jede/n klar erkenntlich politischer Roman und eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse dieser Zeit überhaupt (siehe Auszüge Seite 23). Im Rückblick erzählt Irmgard Keun übers Dritte Reich: "Nie habe ich mich vor Männern so geekelt wie damals im Faschismus. Mein Ekel war so groß, daß ich kaum noch einem Mann die Hand geben konnte." Warum? Weil, so sagt sie, "die sich so widerlich ernst nahmen, weil gerade Männer Männern so ergeben und blind folgten". Ein Satz, der mich aus ihrem Munde zunächst überrascht, denn: genau hingeschaut hat gerade sie bei Männern und Frauen. Sie verschonte niemanden (warum sollte sie auch). Und sie sah oft mehr als die meisten. Männer spielten in ihren Romanen von Anbeginn an eine zwar manchmal rührende oder auch charmante, immer aber auch blasse bis erbärmliche Rolle. Sicher, sie sind die Erwachsenen, sie sind die Intellektuellen, die scheinbar Starken. Aber in ihrer zähen Geschwätzigkeit, in ihrer schillernden Intensität und undramatischen Integrität erweisen die keunschen Frauen sich letzt-
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