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Orte: Wien; Kaiserslautern, Landshut, Markneukirchen, München, Plauen und andere Orte in Deutschland; Pontezhina und Recife in Brasilien; verschiedene Urlaubsorte in Italien, Kanada, Kroatien, Spanien, Tunesien u.a. Quellentypen: Tagebuch (Mädchentagebuch, Frauentagebuch, Tagebuch in der Emigration, Kalender mit tagebuchähnlichen Aufzeichnungen, Reisetagebuch, Traumtagebuch): 30 Bände (tw. in Abschrift); schriftliche Aufzeichnungen in Buchform: 8 Reiseberichte, 6 Kalender, 1 Bücherverzeichnis, 1 Auflistung, 1 Gedichtsammlung; Korrespondenz (Paarkorrespondenz, Familienkorrespondenz, Kinderkorrespondenz, Korrespondenz aus der Emigration, amtliche Korrespondenz): ca. 350 Schreiben; ca. 140 amtliche Dokumente; Dokumente zur Schul- und Berufslaufbahn: 4 Schulhefte, 3 Schulzeugnisse (als Abschrift), 14 Dokumente zur Gewerbeanmeldung; autobiografische Aufzeichnungen: Texte, Familienchronik (insg. ca. 1.340 Seiten); ca. 750 Fotografien (tw. in 1 Fotoalbum); Weiteres: Zeitungsausschnitte, Postkarten, Kinderzeichnungen, Einladung, Stofftaschentuch, Löffel, mehrere Babykleidchen, graphologisches Gutachten Zum Bestand: Schreiberin/Adressatin: Ruth S. (geb. B.); geb. 1924 in Markneukirchen sächsischen Vogtland im Erzgebirge in Deutschland, gest. 2013 in Bobingen in Deutschland
Schreiber: Wilhelm S.; geb. 1904 in Berlin in Deutschland, gest. 1971 in München in Deutschland
Übergeberin: Dr.in Karin S. (Tochter von Ruth S.), 2010-2020
Ruth S. (geb. B.) ist mit ihrem älteren Bruder Günter B. (geb. 1923) in der Kleinstadt Markneukirchen im sächsischen Vogtland im Erzgebirge aufgewachsen. Ihre Eltern Marianne B. (geb. S., 1899-1985) und Fritz B. (1894-1949) betrieben hier eine Kartonagenfabrik. Aus der Kindheit von Marianne B. liegt ein Brief vor, den sie im Herbst 1914 an ihren Großvater adressiert hat. Das Schreiben mit einer aufwändigen Aquarellmalerei von einem Dampfschiff verziert, das Mädchen nimmt darin auch Bezug auf die propagandistische Kriegsberichterstattung.
Aus der Kindheit von Ruth S. sind 13 weiße Babykleidchen und 2 Suppenlöffel mit Namensgravur erhalten. Aus 1935 liegt ein mit Zeichnungen verzierter Schulaufsatz (2 Seiten) vor. Als Jugendliche besuchte Ruth S. das Internat "Erdmuth-Dorotheen-Haus" (EDH) in Neudietendorf in Thüringen. Anschließend studierte sie an der Kunstschule in Plauen, was sie durch ihre Kriegsdienstverpflichtung abbrechen musste.
Ihre als Jugendtagebuch begonnenen diaristischen Aufzeichnungen enthalten Einträge von 1940 bis 1965. Den zunächst täglichen Notizen in den 1940er-Jahren sind Briefe, Postkarten und Fotografien beigelegt. Abgebildet sind hier unter anderem junge Männer in Wehrmachtsuniformen, mit denen Ruth S. vermutlich korrespondiert hat. Während deren Briefe nicht erhalten sind, hat Ruth S. ihre eigenen Antwortschreiben teilweise in ihr Tagebuch übertragen. Die späteren Einträge sind dann in größeren Schreibintervallen verfasst.
Der Vater Fritz B. hatte im Zweiten Weltkrieg den Rang eines Majors inne. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft. Ruth S. und ihre Mutter gingen nach der Besetzung von Ostdeutschland durch die sowjetischen Truppen nach Jettingen in Baden Würtemberg, ihr Bruder wanderte nach Kanada aus.
Ruth S. meldete sich 1945 per Gewerbeschein als freischaffende Künstlerin an, sie fertigte in Heimarbeit u.a. Filzapplikationen für Kleidungsstücke und Turnbeutel sowie kleine Ziergegenstände, was anhand von 3 Fotografien sowie 14 amtlichen Dokumenten belegt ist. Während ihrer Arbeit als Sprechstundenhilfe in einer Arztpraxis lernte Ruth S. den Kaufmann Wilhelm S. (1904-1971) kennen
Wilhelm S. war gebürtiger Berliner. Er hatte in München gelebt und als gelernter Baumwollfachmann vor dem Zweiten Weltkrieg zwölf Jahre lang für eine schwedische Firma in Brasilien gearbeitet. Aus dieser Zeit hat er 8 Landschafts- und Stadtansichten sowie Gruppenfotografien aufbewahrt. 10 weitere Bilder sind Einzel- und Familienportraits von Wilhelm S., seinen Eltern und Geschwister aus dem Zeitraum von 1908 bis 1939. Im Zweiten Weltkrieg war Wilhelm S. Kurier und Verwalter, 1942 musste er sich nach einem Motorradunfall einer Beinamputation unterziehen. Seine Biografie und Berufslaufbahn ist anhand von ca. 140 amtlichen Dokumenten, Dienstzeugnissen, Ausweisen, verschiedenen Bescheinigungen und Dokumenten über die Entnazifizierung aus der Zeit von 1924 bis 1958 belegt. Aus 1943 ist zudem ein graphologisches Gutachten seiner Handschrift vorhanden.
Ruth und Wilhelm S. heirateten 1952, 1953 wurde ihre Tochter Karin geboren. Von ihr sind ebenfalls zwei weiße Babywesten erhalten.
Anfang 1955 nahm Wilhelm S. einen Posten bei seinem ehemaligen Arbeitgeber in Brasilien an. Die Familie migrierte nach Pontezhina, wo sie bis September 1956 lebte. Aus der Zeit von Dezember 1954 bis zur Rückkehr nach Europa sind insgesamt ca. 95 zumeist mehrseitige Briefe vorhanden, die Ruth S. und ihr Mann an seine Mutter und seine Schwester "Klärchen" sowie an einzelne weitere Personen in Deutschland geschrieben haben. Der Großteil dieser Briefe ist mit Maschine getippt und beinhaltet ausführliche Schilderungen des Lebens in Südamerika.
Ruth Schulzes hier verfasstes Tagebuch aus dem Zeitraum von August 1955 bis Mai 1956 ist als maschinschriftliche Abschrift (26 Seiten) erhalten. Die Einträge sind teilweise in Briefform gestaltet, möglicherweise sind es auch Abschriften von Briefen. Sie enthalten Berichte von der Überfahrt ab Hamburg über R., Antwerpen und Leixoes in Portugal, beschreiben die Ankunft in Recife und dann den Aufenthalt in Pontezhina in Brasilien.
Erhalten sind zudem 183 lose Fotografien und 26 Fotopostkarten. Motive sind die Mitglieder der Familie Schulze, ihr Haus, die einheimische Bevölkerung, die Dienstmädchen und Angestellten der Familie, die Landschaft und verschiedene Tiere.
Die Zeit in Brasilien ist auch in verschiedenen Zusammenstellungen von Ruth S. dokumentiert. In einer Ringmappe mit der Aufschrift "Brasilien" sind unter anderem Korrespondenzen, Tagebuchaufzeichnungen, amtliche Dokumente, Zeitungsausschnitte und Geldscheine gesammelt. Der autobiografische Text "Erlebnisse und Fotos aus Brasilien" umfasst 46 Seiten und beinhaltet 96 Fotografien.
Ihre Tochter Karin S. hat dazu eine Zusammenstellung von Fotografien aus Brasilien (62 Seiten) und die Familienchronik "Wo ist zuhause? Brasilien und die Zeit danach. Die Jahre 1955-1959 in den Briefen von Ruth & Wilhelm S." (43 Seiten) verfasst. Weiters hat Karin S. die biografische Erzählung "Vatersuche" (189 Seiten) geschrieben, in der sie das Leben ihres Vaters Wilhelm S. erzählt und mit zahlreichen Abbildungen von autobiografischen und amtlichen Dokumenten gestaltet hat.
Nach der Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1956 lebte Ruth S. mit ihrer kleinen Tochter zunächst bei ihrer Mutter in Wiesbaden. Aus dieser Zeit sind wiederum Gewerbescheine für das Kunstgewerbe erhalten. 1960 wurde ihr Sohn Rainer in Kaiserslautern geboren.
Wilhelm S. war nun als Kaufmann in Deutschland unterwegs. Aus der Zeit von Dezember 1956 bis August 1966 sind 84 Schreiben gesammelt, die er von München und Kaiserslautern aus an seine Frau geschrieben hat. 53 der mehrseitigen Briefe wurden mit Schreibmaschine verfasst, teilweise findet sich der Vermerk "beantwortet" in der linken oberen Ecke. Die Anreden lauten u.a. "Meine liebe Ruth", "Liebste, beste Ruth", "Herzliebster, großer Schatz", "Mein herziges, süsses, kleines Frauchen", "Liebste beste Ruth, Du schönste aller Frauen", "Schätzchen, goldiges"; unterschrieben wurde u.a. mit "Immer dein Wilhelm". Drei Briefe der erhaltenen sind auch an die Tochter "Meine liebe, kleine Karinmaus" adressiert. Die Korrespondenzen wurden von der Übergeberin Karin S. in je einer Ringmappe vorsortiert und enthalten auch einzelne Briefe von weiterer Absenderinnen und Absendern.
Ruth S. hat ihrerseits eine Sammlung von verschiedenen Erinnerungsstücken und Dokumenten aus Kindheit und Schulzeit ihrer Tochter Karin S. angelegt: Eine maschingeschriebene Seite (ohne Datum) enthält kurze Anekdoten über das Mädchen. 25 Schreiben hat Karin S. im Zeitraum von Juli 1960 bis April 1968 zu verschiedenen Anlässen wie Geburtstag, Muttertag und Weihnachten an die Eltern und Großmutter geschickt. 3 kleinformatige Schul- und 1 kleinformatiges Skizzenheft (je 11 bis 32 Seiten), 2 lose Aufsätze (u.a. zum Thema der sogenannten "wilden Ehe") und 3 Abschriften von Schulzeugnissen belegen die Schulzeit von Karin S. von April 1961 bis März 1963. Weiters erhalten sind ca. 40 Kinderzeichnungen und eine Stickprobe.
Aus der Zeit nach dem Tod von Wilhelm S. (1971) dokumentieren 8 Reiseberichte die Urlaubsfahrten, die Ruth S. von 1977 bis 2003 in Deutschland, nach Italien, Jugoslawien, Spanien und Tunesien unternommen hat. Die maschinen- bzw. PC-geschriebenen Berichte sind (teilweise in zweifacher Ausführung) mit einer handgeschriebenen Aufzählung von Reisen von 1982 bis 1992 in einer Mappe gesammelt aufbewahrt worden. Diese kurzen Texte sind teilweise mit Titeln wie "Ehrliche Bilanz des Urlaubes August 1977" versehen. Der Erzählung über ein Klassentreffen in Markneukirchen 1988 sind Erinnerungstücke wie die Einladung, Fotografien und ein bedrucktes Taschentuch beigelegt. Die kurzen Aufzeichnungen über eine weitere Fahrt nach Plauen im selben Jahr verfasste Ruth S. in einem kleinformatigen Notizheft. Von einer Reise nach Kanada zur Familie des Bruders und einem Urlaub in Nordafrika in den 1980er- und 1990er-Jahren gibt es wiederum 263 Fotografien in einem Fotoalbum.
Von 1981 bis 2007 liegen 27 Kalenderbüchern mit tagebuchähnliche Notizen und Termineinträgen vor. Diese Bücher haben alle dasselbe Format und den Aufdruck "Lady Tagebuch und Kalender" bzw. "Happy Lady Tagebuch und Kalender". In weiteren 6 Taschen- und Tischkalendern verschiedenen Formates von 1988 sowie von 2003 bis 2012 hat Ruth S. ebenfalls Termine festgehalten.
Ende der 1980er-Jahre nahm Ruth S. ihre in den 1940er-Jahren unterbrochene Kunstausbildung am Münchner Bildungswerk wieder auf. Ihre Erfahrungen dabei hat sie in der autobiografische Erzählung "Mein Malsstudium in München" (1992, 16 Seiten) festgehalten.
Von Ruth Schulzes Korrespondenzen aus der Zeit sind u.a. 21 Schreiben (1981-1994) von ihrem Enkel Philipp W. sowie 94 Schreiben (2001-2010) von einem Bekannten erhalten.
Unter dem Titel "Unterlagen für meine 'Memoiren'" kompilierte Ruth S. 16 verschiedene autobiografischen Erzählungen (insgesamt 44 Seiten): Die ein- bis mehrseitigen maschinen- und PC-geschriebenen Texte sind undatiert und vereinzelt in Reimform verfasst. Sie handeln von Ruth Schulzes Kindheit, ihrem Aufenthalt in Brasilien sowie teilweise von der Familiengeschichte oder einzelnen Haustieren: "Mein Vater brachte von einer Geschäftsreise nach Griechenland einiges mit. Für Günter und mich diese wunderschönen roten bestickten Lederschuhe mit den dicken bunten Pommeln drauf […] Dann kam etwas Lebendiges zum Vorschein: eine Schildkröte, die gleich auf den Panzerbeinchen losmarschierte, den Kopf hervorstreckte und sich umsah wo sie eigentlich war" ("Schildkröten", o.D.). Den Seiten sind handschriftliche Notizzettel beigelegt, an deren Schriftbild teilweise das vermutlich hohe Alter der Schreiberin erkennbar ist. Beigelegt ist weiters ein kleinformatiges Notizbuch mit kurzen Aufzeichnungen "für Familiengeschichte" (4 Seiten), ein kleinformatiger "Geburtstagskalender" sowie die von Karin S. verfasste "Abschrift aus Aufzeichnungen meines Vaters aus dem Nachkriegsjahr 1946" (1 Seite) mit 5 seitigen autobiografischen Anmerkungen.
Neben diesen Zusammenstellungen sind noch verschiedene weitere einzelne Formen autobiografischer Aufzeichnungen von Ruth S. erhalten, darunter eine 45-seitige PC-geschriebene Collage von Sprüchen etc. mit dem Titel "Lustiges gesammelt. Allerlei, von mir erzählt", eine 20-seitige Bücherliste, Leserinnenbriefe, die Aufzeichnung von drei Träumen sowie Dokumente und Korrespondenzen betreffend eine Verlassenschaft.
Karin S. stellte schließlich im August 2020 den autobiografischen Text "ein paar Dinge, die ich von ihr weiß. Meine Mutter Ruth S.-B." (842 Seiten) fertig. Die Erzählung ist aufwändig erweitert und illustriert durch Abschriften und Scans aus Ruth Schulzes Tagebuchkalendern, Lebenserinnerungen, Reisetagebüchern, Korrespondenzen, Fotografien und Gedichten. Die hier zitierten Quellen decken den Zeitraum von 1924 bis 2013 ab – und sind größtenteils auch als Original im Nachlass erhalten. Karin S. hat dabei einzelne Thematiken aus den autobiografischen Dokumenten ihrer Mutter herausgearbeittet, wie etwa deren über Jahrzehnte in den Kalendertagebüchern geführte detaillierte Dokumentation ihrer Besuche in Frisiersalons: "Biostetik-Dauerwelle 99,50 DM + 2.- + 5.- Tr.Geld. das nächste Mal noch grössere Wickler verlangen! Und eigenen Festiger mitnehmen" (29. Oktober 1983) oder"„9:30 frische Tönung, ist nach der Dauerwelle sehr ausgeblichen! 14 Tage vor Dauerwelle lohnt nicht!!" (24. September 2004). Ergänzt ist der umfangreiche Text durch ein Personenverzeichnis, womit das persönliche Umfeld von Ruth S. detailliert erschlossen und dokumentiert ist. |