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Maria de Alvear : die Komponistin

Verfasst von: Liese, Jessica
in: EMMA
2007 , Heft: 4 , 14-15 S.

Weitere Informationen

Einrichtung: FrauenMediaTurm | Köln
Signatur: Z-Ü107:2007-4-a
Formatangabe: Porträt
Link: Volltext
Verfasst von: Liese, Jessica
In: EMMA
Jahr: 2007
Heft: 4
Beschreibung: Ill.
ISSN: 0721-9741
Sprache: Nicht einzuordnen
Beschreibung:
Maria de Alvear Die Komponistin

ihre Kompositionen haben Titel wie "Sexo Puro" oder "Vulva Sacra". Jessica Liese besuchte die deutsch-spanische Komponistin in ihrer Kölner Wohnung. Foto: Ruprecht Stempell

Schauen Sie genau hin." Maria de Alvear sieht auf und geht langsam von der Sitzecke in ihrem Arbeitszimmer zur gegenüberliegenden Seite, wo vor einer ausladenden Bücherwand ihr Flügel steht. "Pianist Nummer eins." Sie lächelt aufgesetzt, nickt in alle Richtungen, nimmt Platz und haut mit theatralischen Bewegungen ein paar Akkorde in die Tasten. Sie steht auf und verkündet: "Nummer zwei." Wieder nimmt sie Platz, diesmal mit gesenktem Kopf. Sie spielt zusammengekauert, leise, eng, abgeschlossen von der Außenwelt. Sie hält inne, hebt den Kopf und lächelt: "Rollen sind das Schlimmste, was es gibt", sagt sie. "Man kann innerlich nur frei sein, wenn man sich kennt."

Deshalb stellt die international bekannte Komponistin gerne "Identitätsfragen". Auch ihren Musikerinnen. Denn ihre Kompositionen haben viel mit Freiheit zu tun. Oft gibt sie nur Richtwerte für Tondauer oder Lautstärke an und versteht Taktstriche, so sie überhaupt vorkommen, höchstens als Rahmen, innerhalb dessen die Musikerinnen selbst entscheiden, wann sie die angegebenen Tonhöhen spielen.

Zum Beispiel mit der Uraufführung von ,Sexo puro' 1998 bei den Donaueschinger Musiktagen, einem Auftragswerk für den Südwestfunk. Maria de Alvear wollte auf die automatisch eintretenden pornografischen Assoziationen aufmerksam machen. Deshalb intonierte sie zusammen mit zwei weiteren Sängerinnen als "weibliche Triade" Worte wie "Freude", "Respekt" und "Liebe" - umgeben von einer Videoinstallation, die als "kontrapunktische Bewegung zur Musik" Sonnenlicht- und Meeresbilder zeigte. "Sexo puro ist Leben", sagt de Alvear.

Auf den ersten Blick gibt es bei der vielseitigen Komponistin, die auch malt und die Zeitschrift Kunstmusik mit herausgibt, viele Gegensätze. Maria wurde 1960 als Tochter eines spanischen Architekten und einer deutschen Kunstsammlerin in Madrid geboren. Mit 18 kam sie nach Deutschland und studierte "Neues Musiktheater" bei Mauricio Kagel in Köln. Danach reiste sie in verschiedene außereuropäische Länder und beschäftigte sich in Amerika intensiv mit indianischer Spiritualität. "In dieser Zeit habe ich mit mir vollkommen Tabula rasa gemacht. Meine wichtigste Entscheidung war, genauer hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen."

"Vulva Sacra, Vulva Eterna, Vulva Santa ..." - wie eine Litanei wirken die Namen, die Maria de Alvear dieser Pforte zur Vagina im letzten Teil der Komposition ,Sexo' gibt. Darin prangert eine Sprecherin m einem rund einstündigen Monolog die Folgen gewaltsamer Sexualität an - Vergewaltigung oder Inzest. Als "innere Reinigung im kathartischen Sinne" ist das Stück in drei Teile gegliedert: ",Der Tod' steht für die Respektlosigkeit und ihren Hass auf die Welt. ,Die Wut' beschreibt das Gefühl, wenn sie erkennt, in welcher Lage sie sich befindet. Und ,Das Leben' steht für Respekt vor dem Leben." ,Sexy' beschreibt, so de Alvear, einen Prozess. Der "Ausweg" - weg vom Negativen und hin zum Positiven - erfolgt in einer musikalischen Spirale: "Es gibt mehrere Punkte, wo es sich dreht. Das sind die Rückschläge. Du musst immer wieder an dir arbeiten."

In einem bilderreichen Text, in dem sich spanische, deutsche und englische Passagen abwechseln, drückt die Protagonistin Gefühle wie Wut, Hass, Schmerz und Verzweiflung exzessiv aus. Sie philosophiert, klagt an und verurteilt - manchmal die Gesellschaft, manchmal ein Gegenüber. Die Musik des Orchesters beschränkt sich überwiegend auf Akkorde. Bei der Uraufführung in Basel 1995 hat de Alvear das Stück selber gesungen.

Ein Jahr später entstand ,Vagina' -- als "direkte Konsequenz" aus ,Sexo'. Wie später auch bei ,Sexo puro' wollte de Alvear hier den Begriff entpornografisieren und ihn als "Quelle des Lebens" ins Bewusstsein rücken - hier mittels einer spirituellen Fabel, in der verschiedene Tiere ihr Wissen austauschen. ,Sexo' wurde im Mai im Hessischen Rundfunk aufgeführt, dirigiert von der berühmten englischen Dirigentin Sian Edwards. Am 29. August wird in Füssen ,Erde', ein Quintett für Stimme und Streicher uraufgeführt. Anfang Oktober 2008 wird die Premiere einer neuen Oper in Dresden sein: ,Balance'. Diese Balance auch musikalisch zu halten, ist der Komponistin, die sich als Feministin versteht, bisher immer wieder gelungen.

Maria de Alvear wohnt in Köln. Aber am liebsten würde sie in einem Haus wohnen, dessen Vordertür zum Mittelmeer und Hintertür zu den Alpen hinausführt. "Aber das geht halt nicht. Und da fangt die Schwierigkeit des Lebens bei mir an."

.Erde', Quintett, Premiere am 29.8., Füssen

.Balance', Oper, Oktober 2008,

Europäisches Zentrum der Künste Hellerau, Dresden.

www.mariadealvear.com
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