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Orte: Oberwart im Burgenland; Heiligenblut, Rosenbach, Spittal an der Drau, Velden u.a. in Kärnten; Bad Vöslau, Bisamberg, Bruck an der Leitha, Hohe Wand und Raxgebiet, Klosterneuburg, Korneuburg, Mühldorf, St. Aegyd bei Neuwalde, Spannberg und Tulln in Niederösterreich; Hinterstoder, Linz, Steyr und Traunkirchen in Oberösterreich; Badgastein, Hofgastein, Karneralm, Saalbach-Hinterglemm und Salzburg-Stadt in Salzburg; Graz in der Steiermark; Bad Hall, Innsbruck und Kitzbühel in Tirol; Wien; Berchtesgaden, München und Rosenheim in Deutschland; Tarvis (Tarvisio/Trbiž) und Tolmezzo (Tolmeč) in Italien u.a. Quellentypen: Tagebücher: 3 Reisetagebücher/Tourenbücher/Fahrtenbücher, 10 Kalendertagebücher; Aufzeichnungen in verschiedenen Buchformen: 1 Poesiealbum, 4 Haushaltsbücher, 5 „Zinsbücher“; Korrespondenzen (Paarkorrespondenz): 3 Schreiben; 26 amtliche Dokumente; 34 Dokumente zu Schul- und Berufslaufbahn; lebensgeschichtliche Aufzeichnungen: 1 Text (10 Seiten), 2 Gedichte; ca. 640 Fotografien (z.T. in 4 Fotoalben); Weiteres: 9 Sparbücher, 1 Zeitungsausschnitt, 1 Buch Zum Bestand: Schreiberin/Adressatin: Erika L. (geb. B.); geb. 1920 in Steyr in Oberösterreich, gest. 2004 in Baden in Niederösterreich
Übergeberin: Dr.in Sylvia L. (Tochter von Erika L.), 2023
Erika L. ist in Wien aufgewachsen. Sie war die einzige Tochter von Käthe B. (geb. M., 1897-1973) und Karl B. (1905-1975). Die Mutter kam aus Steyr, der Vater war Elektromechaniker aus Wien. Die Familie war sozialdemokratisch eingestellt und lebte in der Schrankgasse im Wiener Bezirk Neubau. Ihr Sommerhaus war in Spannberg im Weinviertel, später hatten sie einen Schrebergarten in der Nähe von Wien.
Aus der Kindheit und Jugend von Erika L. sind 1 großformatiges, aufwändig gestaltetes Gedenkblatt zur Erstkommunion aus Mai 1929 erhalten sowie 1 Poesiealbum, das mit Einträgen von Jänner 1930 bis April 1944 auf 70 Seiten fast vollständig beschrieben ist. Ihre Schul- und Berufsbildung ist anhand von 14 Zeugnissen aus der Volks-, Real- und Handelsschule (1926 bis 1937) sowie 6 Preisdiplomen von Maschin-Schnell-Schreib- und Stenographie-Wettbewerben (Juni 1934 bis Juni 1937) belegt. Ihre erste Anstellung hatte Erika L. beim Technologiekonzern Kapsch, wo auch ihr Vater beschäftigt gewesen ist.
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs hielten sich Erika L. und ihre Eltern in Spannberg auf. Sie erlebten hier Plünderungen durch sowjetische Soldaten, die zwei Frauen auch Vergewaltigungen. Diese traumatischen Gewalterfahrungen hat Erika L. in dem autobiografischen Text „Russischen Memoiren“ (10 Seiten, ms) und in 2 Gedichten beschrieben. In dem Text dokumentierte sie auch einen Schwangerschaftsabbruch. Ein weiteres Gedicht (von „L. Stulik“) war in einer Zeitung abgedruckt worden. Zur unmittelbaren Nachkriegszeit findet sich im Nachlass weiters ein Fotoalbum, in das 30 Fotopostkarten mit Motiven der kriegszerstörten Stadt eingeklebt sind.
An amtlichen Dokumenten aus dieser Zeit sind 1 Badekarte, 1 Fahrradausweis und 1 „Alliierte Reise-Erlaubnis“ aus 1946 erhalten. Erika L.s Beitritt zum Österreichischen Gewerkschaftsbund im Oktober 1945 ist durch die Mitgliedskarte bestätigt, ihr politisches Engagement durch 1 „Teilnehmerkarte“ der „Neubauer Vertrauensmännerschule“ aus Februar 1946. Die von der Landesorganisation der SPÖ ausgestellte Bestätigung, dass gegenüber Erika L. „in politischer Hinsicht keinerlei Bedenken“ vorliegen würden, ist mit Oktober 1946 datiert.
Wie ihre Eltern war Erika L. eine begeisterte Alpinistin. Dazu sind 3 Fahrtenbücher erhalten, in denen die absolvierten Bergtouren und Ausflüge mit dem Boot oder Motorrad detailliert festgehalten sind, die sie in Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, der Steiermark, in Süddeutschland und in Norditalien mit ihrer Freund:innengruppe machte. Das früheste Buch war von ihrem Vater Karl B. im Mai 1910 begonnen und bis August 1912 auf 50 Seiten beschrieben worden. Dokumentiert sind darin etwa Seilschaften im Gebiet der Hohen Wand sowie Ausflüge in die Lobau. Erika L. hat es von Juli 1943 bis Mai 1955 weitergeführt und auf 190 Seiten fast vollständig beschrieben: „[Gamseck] Herrgott, war das ein Aufstieg! Der Franzl als Führer voran, ich gleich hinten nach, bei jedem Plateau wurde auf die restliche Partie gewartet, bis sie wieder eine schwierige Stelle überwunden hatte“ (31. Oktober 1943). Zu den kurzen Berichten finden sich 36 Fotografien sowie zahlreiche Postkarten, Broschüren, Fahrkarten, Stempel von Berghütten und getrocknete Edelweiß beigelegt oder eingeklebt. Die zwei weiteren Tourenbücher aus den Jahren 1956 bis 1959 sind weniger aufwändig gestaltet. Das mittlere Buch enthält nur Text (28 Seiten), das späteste Buch (40 Seiten) nur Bilder, darunter 10 gezeichnete Landkarten.
Erika L.s Begeisterung für Sport, Bergsteigen und Motorradfahren ist auch in ihren 4 Fotoalben dokumentiert. Die insgesamt 577 darin enthaltenen Aufnahmen aus der Zeit von August 1941 bis Jänner 1959 wurden vorwiegend während Urlaubsreisen mit den Eltern, den Freund:innen und dem (späteren) Ehemann in Österreich, Deutschland und Italien aufgenommen. Motive sind Wandern, Skifahren, Schwimmen, Ballspielen, Tennis, Motorradfahren und andere sportliche Aktivitäten. 27 weitere lose Bilder sind zum Teil Portraitaufnahmen.
In die Fotoalben eingelegt sind neben anderem Losem zwei Briefe von Erika L.s Freund Franz F. sowie einer von ihrem Ehemann Otto L..
Ihn hatte sie 1946 bei einem Tanzabend kennengelernt. Er war gelernten Werkzeugmacher und kam aus Wien, seine Vorfahr:innen waren sogenannte „Ziegelböhm“. Sie heirateten 1947 und lebten in einer Wohnung in der Chrobakgasse im Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus.
Otto L. arbeitete im öffentlichen Dienst beim Arbeitsamt. Erika L. war von April bis August 1945 im SPÖ-Bezirkssekretariat Neubau beschäftigt, bevor sie in den Staatsdienst eintrat und 1946 die Prüfung zur Parlamentsstenographin absolvierte. Sie arbeitete dann u.a. im Sekretariat von Minister Alfred Migsch, von 1949 bis 1967 als Chefsekretärin bei einem Sektions-Chef und dann im Bundesministerium für Verkehr und Verstaatlichet Unternehmen („Energieministerium“). Ihre Berufslaufbahn ist anhand von 1 Lebenslauf (1968) und 4 Bestätigungen (1946-1970) dokumentiert. Eine davon ist ein Schreiben für „Frau Kanzleioberoffizial“ zu ihrem 25-jährigen Dienstjubiläum (Juli 1970).
Ihre Freizeit gestalteten Erika und Otto L. sehr aktiv, häufig gemeinsam mit einer Freund:innengruppe, die sich selbst „Blattläuse“ nennte. 1953 wurde ein Motorrad angeschafft, 1956 das erste Auto, ein Renault 4CV und der KFZ-Führerschein, was sie auch in einem ihrer „Tourenbücher“ dokumentierte: „31.1.56 (…) Meine erste Autofahrstunde. Dieses Ereignis ist schon wert, festgehalten zu werden. Pünktlich um 17h erwartete mich der Fahrlehrer. Er begrüßet mich gleich mit den Worten: ‚Sie sind Frau L.?! Wenn Sie so tüchtig sind wie Ihr Gatte, dann ist es gut.‘ Dies konnte ich natürlich nicht versprechen, im Stillen hoffte ich es!“ Erika L. war auch eine begeisterte Chorsängerin. Das Programmheft und Zeitungsberichte über ein Konzert der Chorvereinigung Jung-Wien von November 1956, an dem sie mitgewirkt hat, ist in ihrem Poesiealbum eingelegt.
Ende 1957 kam ihre Tochter Dr. Sylvia L. zur Welt. In ihre Betreuung war die Großmutter Käthe B. wesentlich eingebunden, vor seinem Tod 1960 auch der Großvater Karl B..
Für den Zeitraum von 1961 bis 1970 sind 10 kleinformatige Taschenkalender von Erika L. erhalten. In den ersten Jahren nützte sie diese auch für tagebuchähnliche Einträge, die sie stichwortartig und teilweise in Kürzeln verfasste und die Freizeitaktivitäten, Haushaltstätigkeiten, die Arbeit im Schrebergarten, soziale Kontakte und besondere Anschaffungen dokumentieren: „[April 1962] Samstag 28.: 4-5h 1. Mal Tennis gespielt. Am ADMIRA-PLATZ mit Fr. F.. (Sylvia Bälle geklaubt) S 5,- Ballbub (Hr. W.). Otto am WAC Platz“, „[September 1963] 17. Dienstag: Abends gearbeitet. Zwetschensaft 2 l wieder gemacht. 18. Mittwoch: Waschmaschine bekommen u. Heizmaterial. Vorm. Wi-Tag gehabt“, „21. Samstag: Vorm. gründlich, nachm. v. 13-19h Großwäsche m neuer Maschine. Herrlich! Otto im Garten!“ Die späteren Bände sind kaum noch beschrieben.
Von Erika L.s Haushaltsführung wurden 5 Zinsbücher aufbewahrt, die die Mietkosten von Jänner 1956 bis Dezember 1972 belegen. Dazu liegen noch 4 Haushaltsbücher aus der Zeit von Jänner 1963 bis August 1998 vor. Der früheste Band ist ein vorgedrucktes „Vormerkbuch“, das sie zwischen Jänner 1963 und Februar 1970 etwa zu einem Drittel beschrieben hat. Die drei weiteren Bände sind kleinformatige Schreibhefte. Erika L. hat in den Büchern über Jahrzehnte die monatlichen Ausgaben ihres Haushalts in übergeordneten Kategorien zusammengefasst verzeichnet. Neben den regelmäßigen anfallenden Kosten etwa für „Licht Gas“, „Zins“, „Autoversicherung“ oder „Sylvia Taschengeld“ sind in den früheren Aufzeichnungen besondere Ausgaben wie „Augengläser E“ extra ausgewiesen. Später hat sie nach einem immer einheitlichen Schema nur noch die größeren Posten notiert. Dazu liegen 9 Sparbücher mit Einträgen von März 1965 bis Juni 1989 vor.
Aus der Zeit von Juli 1976 bis Jänner 19781 gibt es zudem ein Kostenverzeichnis, das die damals 19-jährige Tochter Sylvia L. führte. Auf 10 Seiten dokumentierte sie hier ihre Ausgaben als junge Studentin, u.a. „20.9.76: Wo-Geld Essen (Hungerkur)“. Beiliegend sind 16 Bestätigungen der Alimentationszahlungen ihres Vaters. Erika und Otto L. hatten sich 1973 getrennt und befanden sich zu dieser Zeit in einem Scheidungsprozess.
Erika L. zog später in Wohnung ihres Onkels Heinrich B.s in Baden bei Wien. Das späteste Dokument aus ihrem schriftlichen Nachlass ist 1 Mitgliedsausweis des Pensionistenverbandes, dem sie im Dezember 1987 beigetreten ist. Auf ihrem Partezettel (April 2004) wird sie als „Ministersekretärin i.R.“ erinnert.
Die Kontexte des gedruckten Buches „Eduard Foreitnik: Der Ehe Pflicht und Glück (Wien 1931)“ sowie des Mitgliedsbuchs von Hedwig M. bei der Deutschen Arbeitsfront (DAF) von Juni 1938, die auch im Konvolut des Familiennachlasses von Erika L. übergeben wurden, sind bisher nicht geklärt.
Eine Sammlung von Unterlagen zur Mitgliedschaft in sozialistischen/sozialdemokratischen Organisationen von Erika L. und ihrer Familie wurde dem Verein für die Geschichte der ArbeiterInnen Bewegung in Wien übergeben. |